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Neujahr

Neujahr

Roman

Info

Lanzarote, am Neujahrsmorgen: Henning sitzt auf dem Fahrrad und will den Steilaufstieg nach Femés bezwingen. Seine Ausrüstung ist miserabel, das Rad zu schwer, Proviant nicht vorhanden. Während er gegen Wind und Steigung kämpft, lässt er seine Lebenssituation Revue passsieren. Eigentlich ist alles in bester Ordnung. Er hat zwei gesunde Kinder und einen passablen Job. Mit seiner Frau Theresa praktiziert er ein modernes, aufgeklärtes Familienmodell, bei dem sich die Eheleute in gleichem Maße um die Familie kümmern. Aber Henning geht es schlecht. Er lebt in einem Zustand permanenter Überforderung. Familienernährer, Ehemann, Vater – in keiner Rolle findet er sich wieder. Seit Geburt seiner Tochter leidet er unter Angstzuständen und Panikattacken, die ihn regelmäßig heimsuchen wie ein Dämon. Als Henning schließlich völlig erschöpft den Pass erreicht, trifft ihn die Erkenntnis wie ein Schlag: Er war als Kind schon einmal hier in Femés. Damals hatte sich etwas Schreckliches zugetragen - etwas so Schreckliches, dass er es bis heute verdrängt hat, weggesperrt irgendwo in den Tiefen seines Wesens. Jetzt aber stürzen die Erinnerungen auf ihn ein, und er begreift: Was seinerzeit geschah, verfolgt ihn bis heute.

Hörprobe

Pressestimmen

»Mit leichter Feder kombiniert Juli Zeh eine kluge Meditation über moderne Männerrollen mit einem düsteren Buch über ein Kindheitstrauma zum Psychothriller.«
Denis Scheck / Der Tagesspiegel, 27.10.2018
»Weil beides, der Thriller und die Gesellschaftsanalyse, hier so dicht ineinandergreifen, ist ›Neujahr‹ vielleicht Juli Zehs bislang bestes Buch.«
Karin Janker / Süddeutsche Zeitung, 07.09.2018
»Mit ›Neujahr‹ erbringt Juli Zeh den Beweis, dass sich gute Unterhaltung problemlos mit inhaltlichem Tiefgang und literarischer Qualität verbinden lässt.«
Luzia Stettler / Radio SRF 2 Kultur, 09.09.2018
»Ein beeindruckendes Spiel mit verschiedenen Zeit-, Wahrnehmungs- und Realitätsebenen.«
Jörn Meyer / BuchMarkt, 31.05.2018
»Klug analysiert Juli Zehs ›Neujahr‹, wie die Kindheit unser Lebensgefühl prägt.«
Nido, 14.08.2018
»Eine emotionale Tour de Force in die Vergangenheit, ein Ritt, der einen mitreißt und erschöpft, aber bereichert zurücklässt. Kurz - und trotzdem gut.«
Christine Ritzenhoff / emotion, 04.09.2018
»Auf der Hälfte kippt Juli Zehs kunstvoll konstruierter Familienroman in einen Psychothriller.«
Ute Büsing / rbb Inforadio, 15.09.2018
»Eine hochkonzentrierte und kompakte Geschichte mit fesselnder Dynamik und einem Aha-Effekt, der es in sich hat.«
Ulrich Noller / SWR2, 07.09.2018
»Wenn man die Familie als Keimzelle der Gesellschaft betrachtet, ist auch dieses fesselnde Buch eine Art Gesellschaftsroman.«
Birgit Nüchterlein / Nürnberger Nachrichten, 09.09.2018

Leserstimmen

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(Durchschnittliche Bewertung / 32 Kundenrezensionen)
Andrea Pehle2, 06. November 2018
Eine unvergleichliche Geschichte inmitten der Natur Lanzarotes
Wir schreiben den 01.01.2018. Der junge Familienvater Henning befindet sich auf einer Radtour in den Bergen auf Lanzarote. Es war eine spontane Idee. Die sofortige Umsetzung seiner guten Vorsätze. Seine Frau Theresa und die beiden Kleinen bleiben zurück im Ferienhaus.
Während seines persönlichen Zwiegesprächs auf dem steilen, steinigen Weges erfährt der Leser viel über Henning, sein Leben und seine Schwächen. Die Fassade, die ein Fremder beim Anblick auf Henning und seine Familie als perfekt beschreiben würde, bricht Stück für Stück zusammen. Doch dann erlangt unser Protagonist sein Ziel: Das kleine Bergdorf Femés. Erschöpft und dehydriert landet er schliesslich in dem Haus einer Deutschen - Lisa - und plötzlich, bei dem Rundgang durch das Haus keimen in Henning Erinnerungsfetzen hoch. Dies scheint unmöglich. Schliesslich ist dies doch sein erster Urlaub auf Lanzarote. Doch schliesslich wird er verschluckt von einem Schwall düsterer Erinnerungen, aus dem es kein Entrinnen gibt...
Juli Zeh hat mich mit "Neujahr" völlig gepackt. Ich habe das Buch aufgeschlagen und es hat mich mit Henning in seinen Sog gezogen. Ein Roman, der wenig Schönes hat und dennoch sehr lesenswert ist.
marvellous.books, 05. November 2018
eher zwei Novellen
Juli Zeh schreibt schnell. Nicht lange nach „Unter Leuten“ und „Leere Herzen“ jetzt ihr neues Buch, diesmal etwas dünner. Ob es literaturtheoretische oder bloß geschäftsstrategische Überlegungen waren, die den Verlag motivierten, "Roman" auf das Cover zu schreiben, sei dahingestellt. Ich würde eher "Erzählung" dazu sagen, oder eigentlich sind es zwei, die sich dann doch ineinanderfügen. Zunächst folgen wir Henning auf einer Fahrradtour am Neujahrsmorgen – und werden Zeuge einer inneren Zerrissenheit, Überforderung, Depression. Er kann zwischen Job, Kindern und Ehefrau niemandem wirklich gerecht werden und leidet seit geraumer Zeit unter Panikattacken. Dann kommt er an seinem Ziel an – und auf einmal kommen die Erinnerungen an seinen ersten Lanzaroteurlaub wieder hoch; Erinnerungen, die er sein Leben lang verdrängt hat.
Als Ganzes betrachtet ist es dramaturgisch überzeugend aufgebaut, nichtsdestotrotz bleibt aber ein Bruch zwischen den Ereignissen des Neujahrstages und den Erinnerungen. Da hätte sich Frau Zeh nochmal ein, zwei Monate länger Zeit nehmen sollen, finde ich.
chrisinsta.liest, 26. Oktober 2018
Empfehlenswert!
Ein Buch, das mich auch einen Tag nach dem Auslesen noch nachdenklich an das zurückdenken lässt, was Henning und seine Schwester Luna als Kleinkinder auf Lanzarote erlebten.
Juli Zeh schrieb mit "Neujahr" wieder einen neuen Roman - komplett anders als "Unterleuten" - dieses Mal aufwühlend, spannend und rasch durchgelesen.

Es ist der Erste Erste - Neujahrsmorgen. Henning hat endlich Zeit, im Familienurlaub sich alleine auf ein Rad zu schwingen und die Gegend Lanzarotes zu erkunden. Doch irgendwie kommt ihm genau ein Haus hoch oben in den Bergen bereits sehr bekannt vor.
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Da das Buch bereits den 1.1. im Titel hat, ist es vielleicht auch ein passendes Mitbringsel zu einer Silvesterfeier oder  bereits ein passendes Weihnachtsgeschenk? Auf jeden Fall: Große Leseempfehlung!
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Michael Lausberg, 23. Oktober 2018
ein überdurchschnittlicher Roman, ohne jedoch Bestsellerqualitäten zu entwickeln.
Nach ihren Romanen „Unterleuten“ und „Leere Herzen“ bringt die Bestsellerautorin nun ihren neuen Roman „Neujahr“ heraus, wo der Protagonist Henning in der Bergwelt Lanzarotes mit seiner Vergangenheit konfrontiert wird.
Bei dieser psychologischen Familiengeschichte stehen die Eheleute Henning und Theresa im Mittelpunkt. Sie leben in Göttingen, haben kleine zwei Kinder (Jonas und Bibbi) und führen ein typisch postmaterialistisches Leben in der Universitätsstadt mit Alltagsproblemen, die jedem bekannt vorkommen würden. Nur die immer wiederkehrenden Panikattacken von Henning sorgen für eine Belastung ihres sonst durchschnittlichen Lebens.
Ihr Urlaub in Lanzarote über den Jahreswechsel mit Kindern bildet den Rahmen des Romans. Als Henning alleine auf einem Berg bei Femes bald zusammenbricht, wird er dort von einer fremden Frau aufgefunden und versorgt. Henning fühlt sich in dem Hause gleich wohl und heimisch, bald erfährt man warum. Die fürsorgliche Frau berichtet davon, dass in dem Haus vor langer Zeit zwei kleine Kinder mit Unterernährung gefunden wurden. Als sich dann herausstellt, dass die beiden Kinder Henning und seine Schwester Luna waren, beginnt für Henning eine Reise in die Vergangenheit und die Aufarbeitung seiner Kindheit. Plötzlich kommen Erinnerungen wieder hoch und er durchlebt die Ereignisse im zweiten Teil des Romans noch einmal. Hier schließt sich auch der Kreis zu den anfangs hingewiesenen Panikattacken Hennings, die im Laufe der mühevollen Aufarbeitung langsam verschwinden.

Die Geschichte der Aufarbeitung der Jugend von Henning wird gefühlvoll geschildert und bringt das Problem, unter dem viele Menschen leiden, ins Zentrum des Interesses. Die Charaktere dieses Romans sind allerdings nicht besonders spannend, es fehlt die Identifikation für den Leser. Das Flair Lanzarotes mit seiner kargen Bergwelt ist auch überschaubar. Der Roman lebt von der psychologischen Aufarbeitung der Vergangenheit und erhält dadurch seine Spannung, ohne fesselnd zu sein. Insgesamt gesehen ist es ein überdurchschnittlicher Roman, ohne jedoch Bestsellerqualitäten zu entwickeln.
daslesendesatzzeichen, 16. Oktober 2018
Auf das, was kommen mag!
Silvester und Neujahr sind für die meisten Menschen eine willkommene Zäsur. Innehalten, Revue passieren lassen, Pläne schmieden, sich neu definieren. All das scheint um dieses durchaus magische Datum herum leichter zu fallen.

Henning, der Protagonist aus Juli Zehs neuestem Buch, beschließt, eben jene besonderen Tage mit seiner Familie dieses Mal nicht zu Hause zu feiern. Es zieht ihn nach Lanzarote, wie getrieben sucht er schon lange im Voraus nach möglichen Ferienhäusern. Doch die, die ihn besonders in den Bann ziehen, sind leider viel zu teuer. So wird ihre Unterkunft ein Kompromiss. Und wie es meist so ist im Leben, sieht das Häuschen im Internet auf den Fotos deutlich größer und charmanter aus als in Wirklichkeit. Ein bisschen tapsen sich die vier auf den Füßen herum, Rückzugsorte gibt es kaum, aber sei’s drum, es ist Urlaub, eine Auszeit vom Alltag – das ist die Hauptsache.

Der Urlaub ist dann aber auch nicht weiter spektakulär, so wie es eben manchmal ist. Die Eltern sind ein bisschen genervt – voneinander, von den beiden Kindern (die eine wirkliche Erholung gar nicht zulassen, denn sie haben ja im Urlaub die gleichen Bedürfnisse und benötigen die gleichen Hilfestellungen wie auch zu Hause), Henning vor allem von sich, seine Frau Theresa von allem ein bisschen, aber hauptsächlich vom permanenten Wind auf der Insel.

Der Silvesterabend beginnt früh – Eltern kleinerer Kinder werden sich hierin wiederfinden -, denn man kann ja nicht ewig feiern. Im Restaurant, wo sie reserviert haben, sitzt am Nebentisch ein Franzose, der Theresa ohne jedes Schamgefühl offen anflirtet. Sie ist hingerissen von der Tatsache, dass sie noch immer gutaussehende Männer für sich begeistern kann, davon, dass ihr das Französisch so herrlich perlend über die Lippen kommt und davon, dass der Charmeur auch noch so toll tanzt. Henning beschließt zur Feier des Tages, die Flirterei als Kompliment für sich abzubuchen. Schließlich muss, wer eine so tolle Frau hat, selbst auch ein toller Kerl sein. Aber es wurmt ihn natürlich auch … Als er später mit seiner Frau ins Bett kriecht und – emotional ein wenig aufgeladen – einen Annäherungsversuch startet, dreht sie sich weg. Leicht frustriert gibt Henning auf.

Am nächsten Morgen beschließt er, der Enge der Wohnung und der Beziehung zu entfliehen und außerdem seinen ersten Vorsatz fürs neue Jahr (mehr Sport!) in die Tat umzusetzen. Er setzt sich aufs mittelprächtige Mietfahrrad und strampelt los, bevor der Rest der Familie aufsteht.

Das Fahrradfahren bringt Tempo in den Roman. Was gemächlich und banal begann, nimmt nun Fahrt auf. Je länger der Familienvater sich den Berg nach oben quält, den zu erklimmen er sich in den Kopf gesetzt hat, desto schneller fließen seine Gedanken. Alles Mögliche durchquert da sein Bewusstsein, er legt keinen Filter darüber, er lässt die Gedanken kommen – und hofft bei vielen, dass sie rasch auch wieder gehen. Die Kinder, der Job, seine Mutter (Gott, er müsste sie viel öfter anrufen!), seine Frau, seine Anforderungen an sich selbst, denen er kaum genügen kann – und nicht zuletzt ES kreuzen seine Gedanken. ES, das sind seine Panikattacken. Henning hat sie seit 2 Jahren, er weiß nicht wirklich, in welchen Momenten genau sie kommen, aber sie halten ihn in Schach. Immer, wenn er das Gefühl hat, die Kontrolle zu verlieren über bestimmte Situationen, dann geht es los – das ist ja vielleicht auch schon ein Muster.

Dehydriert, hungrig und völlig überanstrengt kommt Henning tatsächlich oben an. So übereilt, wie er aufbrach, hat er nicht einmal an Geld gedacht, um sich etwas zu trinken kaufen zu können – aber in dem Örtchen, auf dessen Kirchplatz er genießt, endlich mal wieder wirklich etwas erreicht zu haben, hat sowieso nichts offen. Alles ist wie leergefegt. Und genau hier oben, in dem menschenleeren Kaff, beginnt der eigentliche Sog des Romans. Und dieser Sog, man mag das Buch gut finden oder nicht, ist einfach enorm. Es ist nicht einfach nur der plakative Sog, von dem wir Leser immer reden, wenn wir unserem Gegenüber möglichst bildlich klarmachen wollen, wie gut der Lesestoff ist, von dem wir reden, nein, das hier ist anders. Es ist ein fast körperlich spürbares Unvermögen, das Buch wegzulegen, wenn man diesen Punkt erreicht hat. Ein atemlos machender Zwang, Seite um Seite hinter mich zu bringen, um endlich Klarheit zu bekommen, über das was hier passiert.

Bei Henning bricht in diesem gottverlassenen Dorf der Nebel auf, der sich über seine Erinnerungen an früher gelegt hatte. Er dringt durch zu den Gedanken, die Wahrheit bringen – er findet die fehlenden Puzzlestücke, von denen er bislang gar nicht ahnte, dass sie fehlten. Das klingt verworren – ist es auch. Denn der Protagonist merkt, dass hier an diesem Ort der Zugang zu einem Wissen aus seiner Vergangenheit liegt, das er braucht, um Frieden mit sich machen zu können. Er folgt diesem inneren Gefühl, läuft wie natürlich einen bestimmten Weg und landet vor einem abgelegenen Haus, in dem Kunsthandwerk verkauft wird. Er kommt mit der aktuellen Besitzerin ins Gespräch und ein Déjà-vu reiht sich ans nächste. Geistesblitze tauchen auf und wieder ab und plötzlich entsteht ein neuer Erzählfluss und wir sind genau in diesem Haus und Henning ist ein kleiner Junge, der auf seine kleine Schwester aufpasst.

Geschickt baut Juli Zeh die gesamte Geschichte auf, den Plot, die Erzählstränge, wie sich alles schließlich eineinander verzahnt. Sie ist eine Meisterin, sie kann wahrlich schreiben. Verblüffenderweise haben ihre Bücher ganz unterschiedliche Stile, Inhalte, Richtungen. Das Verbindende ihrer Romane kann man vielleicht am ehesten beschreiben als Lust am Blick auf die psychischen Besonderheiten einer jeden Person. Wie können sich die Charaktere der Menschen verändern, weil bestimmte Dinge geschehen … oder nicht geschehen. Die Hauptperson des vorliegendenden Buches muss sich ihrer Kindheit stellen, um das Jetzt zu begreifen, um leben zu können.

Und trotz des unglaublich orkanartigen Sogs kann ich nicht sagen, dass ich dem Buch 5 von 5 Sternen geben würde. Vielleicht würde ich bei 3 Sternen landen. Natürlich ist dieses Buch gut und dennoch habe und hatte ich Fragezeichen beim Lesen in meinem Kopf. Manche Dinge, Szenen verstehe ich auch jetzt noch nicht, beim erneuten Durchblättern für die Rezension. Warum steht das da? Hat das einen tieferen Sinn, der sich mir nicht erschließt? Warum wird überhaupt Henning beleuchtet, dieser weiterhin seltsam blasse Protagonist? Ich erfahre so viel über ihn, aber dennoch wächst er mir nicht ans Herz – vielleicht, weil alles, was ich erfahre, in der Vergangenheit liegt, die zwar seine Gegenwart gestaltet, ihn mir aber als Erwachsenen nicht näherbringt. Er bleibt wenig fassbar für mich, dieser „Romanheld“, ganz zu schweigen von seiner Frau, die reine Statistin ist. Und dann das Ende! Herr im Himmel! Als wäre Juli Zeh etwas auf dem Herd angebrannt, weswegen sie hastig zwei Sätze als Ende hinkritzelte, den Stift wegwarf und zur Schadensbegrenzung eilte …

Was also ist das Resumée? Juli Zeh kann schreiben. Aber will man ein wirklich durchkomponiertes Werk, das komplett rundläuft, dann nehme man bitte „Unterleuten“ – und dann erst „Neujahr“.
Frau Lehmann, 11. Oktober 2018
Familienurlaub
Diese Rezension fällt mir schwer. Zum Einen, weil bei diesem Roman schnell zu viel erzählt ist und zum Anderen... Ich habe nach diesem Buch ein Kochbuch gelesen, ich hätte auch das Telefonbuch genommen, solange der Text unverfänglich und unbedrohlich ist. Die Beschäftigung mit Mehlmengen und der Anzahl der Eier pro Rezept hat mir geholfen, einige Szenen aus dem Roman zu verdrängen, die für mich an der Grenze zum Unerträglichen waren.
Ich hatte schon immer ein zu gutes Vorstellungsvermögen, um Bücher aus den Bereichen Horror und blutiger Thriller zu lesen. Man kann darüber lachen, aber ich kann mich noch so richtig kindlich und kein bißchen erwachsen gruseln. Und brauche dann nachts als "Schutzschild gegen böse Geister" meine Hunde im Bett. Ich bin also genau die Leserin, die Juli Zeh sich gewünscht haben muss, die die Beklemmung und Panik der Protagonisten komplett mitlebt und erlebt.
Zum Inhalt möchte ich nur wenig sagen. Ein junges Paar im Familienurlaub auf Lanzarote, ein Vater, der sich mit der ihm zugedachten Rolle überfordert fühlt, eine Radtour, um den Kopf frei zu bekommen und Zeit allein zu haben.
Juli Zeh spielt. Wie die Katze mit der Maus. Und ich weiß jetzt, wie die Maus sich fühlen muss. Der Roman beginnt wie so viele Romane über junge Ehepaare, ein bißchen Stress, ein bißchen Streit, das Übliche, wenn die Paarbedürfnisse denen der Kinder weichen müssen und man nicht alles unter einen Hut bekommt. Und wenn der Leser sich gerade auf einen Roman über Paare im Familienstress eingestellt hat, dann, ja dann kommt der Prankenhieb, der einen quer durch den Raum an die Wand schießt. Und das ganz unangestrengt und leichtfüssig und weitestgehend unblutig.
Der Roman ist recht kurz, aber im Gegensatz zu einigen anderen Stimmen glaube ich nicht, dass er länger und ausgearbeiteter besser geworden wäre. Es ist im Grunde nicht wichtig, was die Charaktere schlußendlich aus ihrer Situation machen. Wir sehen sie in einer Extremsituation, bekommen die Erklärung, wie es dazu kommt und werden dann nett vor die Tür begleitet. Und im Grunde reicht das völlig aus. Man braucht nicht seitenlanges Vorher und Nachher für diese Erzählung. Ich halte sie für eine Fingerübung, einen Könnensbeweis. Und eigentlich ist es schade, dass nicht mehr Schriftsteller sich das trauen, dass nicht mehr Kurzromane und Novellen erscheinen, denn diese Form ist in ihrer punktgenauen Verknappung ja hochinteressant und kann immens spannend sein.
Von mir kommt eine definitive Leseempfehlung, auch wenn mir die Lektüre stellenweise sehr schwer gefallen ist. Das lag aber an der beschriebenen Situation, nie an der Umsetzung.
Esthers Bücher, 11. Oktober 2018
Juli Zeh - Neujahr
Es ist der erste Januar 2018. Henning steht früh auf und fährt mit seinem Leihfahrrad los. Er ist mit seiner Familie auf Lanzarote zum zweiwöchigen Urlaub, und er hat sich vorgenommen, im neuen Jahr einiges zu ändern, so zum Beispiel wieder mehr Zeit auf dem Fahrrad zu verbringen. Er ist untrainiert und fährt ohne Proviant los. Sein Ziel ist der Atalaya-Vulkan mit dem Dorf Femés.

Während er all seine Kraft darauf verwendet, auf dem Berg hochzukommen, erfahren wir in Rückblicken immer mehr über Henning und seine Familie. Er ist ein junger Vater mit zwei Kindern, Jonas und Bibbi. Er liebt seine Frau Theresa, mit der sie die Erziehung der Kinder und die Hausarbeit teilen. Da Theresa mehr verdient als Henning, übernimmt er mehr Hausarbeit. Er findet das in Ordnung so und er liebt seine Familie über alles, aber… Aber etwas stimmt mit ihm nicht. Er hat immer wieder Panikattacken, die es ihm manchmal unmöglich machen, die Nacht durchzuschlafen.

Es war seine Idee, Weihnachten und Silverster auf der Insel zu verbringen. Es war eine plötzliche Idee, er wollte unbedingt hier sein, obwohl er noch nie auf der Insel gewesen ist. Oder doch?

Nach und nach kommt eine Geschichte zur Oberfläche, die längst in Vergessenheit geraten ist. Eine dunkle Episode seiner Kindheit, die er verdrängt hat. Was ist damals passiert? Ist das damals Geschehene der Ursache für seine heutigen Albträume?

Für mich die interessanteste Facette der Geschichte war dieses noch immer als unkonventionell geltende Familienleben, in dem der Vater mehr Verantwortung trägt und die klassische Mutterrolle übernimmt. Auch wenn Henning das völlig in Ordnung findet, ändert das nichts daran, dass er sehr genau weiß, wieviel er geleistet hat, wieviel Zeit er für seine Familie geopfert hat (und zum Beispiel nicht mehr Fahrrad fährt). Und wenn dann die Kinder lieber nach Mutti schreien als nach ihm, fühlt er sich natürlich auch ein wenig betrogen. Er will für seine Familie sorgen, aber darf er manchmal auch an sich selbst denken?

Eine Frage, die wahrscheinlich in seiner Kindheit wurzelt. Er und seine Schwester sind ohne Vater aufgewachsen, dieser verließ sie, als Henning erst fünf Jahre alt war. Seitdem trägt er die Verantwortung für seine kleine Schwester, die auch jetzt noch, wo sie beide erwachsen sind, noch auf die Hilfe des Bruders zählt, und diese auch immer wieder bekommt.

Die Geschichte aus Hennings Kindheit, die sich ihm ganz plötzlich auf Lanzarote offenbart, ist spannend und beängstigend. Sie zieht den Leser in den Sog, gleichzeitig möchte man am liebsten gar nicht weiterlesen. Für mich war sie aber auch eine vereinfachte Antwort auf Hennings Situation, seine Ängste, seine Probleme. Es hätte mich interessiert, welche Antwort Juli Zeh auf dieses Familienkonzept hat, wenn da kein Kindheitstrauma im Hintergrund steckt.

Aber trotzdem eine insgesamt sehr spannende, interessante Lektüre. Der Anfang war für mich etwas schleppend, was aber durchaus zu Hennings körperlicher Anstrengung gepasst hat. Umso rasanter ging es dann weiter, sobald er den Gipfel erreichte.
Christian Funke, 11. Oktober 2018
Juli Zeh: “Neujahr” (Luchterhand)
„Er will ein Mann sein, den es zu lieben lohnt.“

Die mit zahlreichen Literaturpreisen ausgezeichnete Juli Zeh ist eine scharfsichtige, klardenkende, gesellschaftlich-politisch engagierte Schriftstellerin, die aktuell wie kaum eine andere Autorin der (deutschen) Gesellschaft einen pointierten Spiegel vorhält, ohne moralisch zu entlarven, sondern die Aufmerksamkeit einzufordern. Dabei gelingt es ihr in ihren Romanen, innerhalb der Geschichte einen Kosmos aufzubauen, wo das Geschehen jederzeit auf einen größeren, gesellschaftlichen Rahmen übertragen werden kann. In ihrem neusten, ausnahmsweise mal recht schmalen Buch erzählt sie die Geschichte von Hennig, Ehemann und Familienvater, der eigentlich alle Voraussetzungen erfüllt, um glücklich zu sein. Doch trotzdem leidet er an Unzufriedenheit und regelmäßig auftretenden Panikattacken. Als er über Silvester mit der Familie einen Urlaub auf Lanzarote, und an Neujahr alleine und schlecht ausgerüstet eine Radtour macht, muss er sich seinen Emotionen und seiner Vergangenheit stellen…

In Neujahr befinden wir uns in dem fein ausgearbeiteten Mikrokosmos „Familie“ mit all seinen Facetten und Schwierigkeiten. Dabei gelingt der Autorin mit ihrer erzählenden Hauptfigur eine stimmige Illustration des modernen Mannes. Ein Mann, der versucht, Beruf und Familie unter einen Hut zu bringen, der aufgrund des größeren Erfolgs seiner Frau beruflich etwas zurücktritt, einige Arbeitsbereiche in das Home Office verlagert und dafür mehr Bereiche in der Kinderbetreuung und dem Haushalt abdeckt. Ein Mann, der versucht, in allen Bereichen bestmögliche Ergebnisse zu erzielen, zwangsläufig an den eigenen Ansprüchen scheitert und sich selbst und die eigenen Bedürfnisse aus dem Blick verliert. Angststörungen, Schlaflosigkeit und Panikattacken sind ein mittlerweile akzeptierter Zustand, dem man sich erst stellt, als man alleine auf dem Rad das nächste zu hoch gesteckte Ziel erreichen möchte.

Ein Zustand, den (mich eingeschlossen) viele Menschen kennen dürften. Hier vielleicht etwas überspitzt, nichtsdestotrotz jedoch treffend beschrieben, zeigt die Autorin einem auf, wie sich verschiedene Momente und Situationen, eigene Erwartungen und Fremdbestimmung zu einem allgemeinen Zustand des Unwohlseins und der inneren Leere führt. Da wirkt es fast schon erleichternd, dass hier plötzlich die Geschichte einen Zeitsprung macht und den Leser in die Kindheit und eine längst verdrängte Episode Hennigs versetzt. So intensiv und beklemmend dieser zweite Abschnitt in seinem Spiel mit den persönlichen Erinnerungen ist, so fesselnd, teils erschreckend empfand ich den ersten Teil, in welchem ich mich als (männlicher) Leser an vielen Stellen nicht nur in die Figur hineinversetzen, sondern mich an einigen Stellen selbst erkennen konnte. Genau hier liegt die Stärke dieses Buches, welches in seiner Erzählung einen solch intensiven Sog auslöst, dem man sich nur schwer entziehen kann. Ein außergewöhnlicher „Familienroman“, der die Spannung eines Psychothrillers zu erzeugen vermag und gleichzeitig gute Literatur ist. Chapeau!

Neujahr erscheint als gebundene Originalausgabe mit Lesezeichenband bei Luchterhand (192 Seiten, €20,00).

Auch in ihrem neuen Roman, eher schon einer Novelle, gelingt es der Autorin, mit scharfem Blick das Wirken frühkindlicher Erfahrungen zu beschreiben, die noch in der Gegenwart ihre nicht immer sofort erkennbaren Tentakel ausbreiten und einen eigentlich rundum erfolgreichen Menschen fest in ihren Klauen halten. Atmosphärisch sehr dicht und spannend erzählt, gelingt ihr hier eine nachdenklich stimmende Geschichte, bei der man jederzeit Ansätze bei sich selbst zu entdecken vermeint. Für mich definitiv eines der besten Bücher dieses Jahres und entsprechend eine eindeutige Leseempfehlung!


Christian Funke

Angela Busch, 07. Oktober 2018
Ein trauriges Buch!
Rezension
Klappentext/Inhalt/Auszug:
Lanzarote, am Neujahrsmorgen: Henning sitzt auf dem Fahrrad und will den Steilaufstieg nach Femés bezwingen. Seine Ausrüstung ist miserabel, das Rad zu schwer, Proviant nicht vorhanden. Während er gegen Wind und Steigung kämpft, lässt er seine Lebenssituation Revue passsieren. Eigentlich ist alles in bester Ordnung. Er hat zwei gesunde Kinder und einen passablen Job. Mit seiner Frau Theresa praktiziert er ein modernes, aufgeklärtes Familienmodell, bei dem sich die Eheleute in gleichem Maße um die Familie kümmern. Aber Henning geht es schlecht. Er lebt in einem Zustand permanenter Überforderung. Familienernährer, Ehemann, Vater – in keiner Rolle findet er sich wieder.

MEINE MEINUNG: Vorsicht SPOILER.

Mein erster Lese-Eindruck erstaunte mich sehr. Wie gut und mit so viel Einfühlungsvermögen hatte Juli Zeh als junge, emanzipierte Frau, Mutter und Schriftstellerin das Porträt eines jungen Familienvaters unserer heutigen Zeit erstellt! Henning kümmert sich vorbildlich um seine kleine Familie, hat die typische Rolle eines Familienvater der früheren Generationen abgelegt. ER hat seine Arbeitszeit reduziert , hilft seiner jungen, hübschen Frau. ER richtet sich voll nach den Wünschen seiner eigenwilligen Kinder, hat eine tolle Beziehung zu ihnen und und fühlt sich dennoch - UNGLÜCKLICH. Zweiundneunzig Seiten verfolge ich gebannt seinen Radausflug auf Lanzarote, erkenne ES , habe Mitleid mit ihm und seinen Panikattacken (ES), die ihn aus heiterem Himmel anfallen und versuche seine plötzlich aufkeimende WUT auf alles, sein Leben, seine Frau und Kinder zu verstehen. Die WUT gesellt sich zu ES als gleichwertiger Partner, die ihn, Henning, vernichten will. Die Autorin hat all diese Emotionen des jungen Mannes meisterhaft und verständlich zum Leser transportiert. Man spürt förmlich seine körperliche Anstrengung, seine Muskelkrämpfe, seinen Durst und Hunger und seine Verzweiflung. Er ist ohne Essen aufgebrochen, aber sein echtes Leid sind seine inneren Ängste, die ihn überrollen wollen. Meine Spannung steigt in dem Maß, wie die Serpentinen, die Hennig dem Bergdorf Femés auf dem Berg entgegenführen. Der Schreibstil vermittelt mir ein typisches Juli Zeh-Gefühl.

Doch dann passiert es - ich werde von der Autorin gezwungen die Leseperspektive zu tauschen, tauche in eine neue Geschichte ein und zwar in die Empfindungen eines kleinen Jungen und seiner Schwester. Juli Zeh verführt mich atemlos und voller Schreckenserkentnisse in einen fesselnden Psychothriller, den diese kleinen Wesen erdulden müssen. Die Erkenntnis kommt schlagartig. Ich begegne Henning und seiner jüngeren Schwester in ihrer Kindheit, allein gelassen, auf sich gestellt. Sie kämpfen um ihre elementarsten Bedürfnisse und auf Henning, als dem Älteren Kind, liegt eine schwere Verantwortung. Diesen kleinen, unschuldigen Kindern hat die Autorin geschickt und mit viel Wissen um die kindliche Psyche, viele Eigenschaften zugeordnet. Hassgefühle, Aggressionen auf die kleine Schwester wechseln mit unbändiger Zärtlichkeit und Liebe in Hennings Persönlichkeit einen ständigen Kampf miteinander. Er verzweifelt an seiner Unfähigkeit für sie beide sorgen zu können, wie er es von den Eltern gesehen hat. Ich leide, weine und kämpfe mit diesen kleinen Geschwistern. Ich bin geschockt, aber das allerschlimmste für mich folgt noch am Ende des Buches. Meine eigene Erkenntnis, dass nichts wieder gut zu machen ist, oder dass diese seelischen Verletzungen vollständig zu heilen sind.

Juli Zeh verwehrt dem Leser jede Hoffnung auf ein Vergeben der schuldigen Eltern - und das zurecht. Diese schlimme Verletzung und Traumatisierung der Kinder um Leib und Leben in jungen Jahren hat sie für ein Leben lang unbewusst und furchtbar gezeichnet. Sie werden keine Ruhe finden und Ängste in jeder Form werden sie immer wieder heimsuchen. Und doch beginnt nach dieser Erkenntnis für Henning und seine kleine Schwester ein NEUES JAHR im wahren Sinne des Wortes - ein Neubeginn!

Ein trauriges Buch, aber es ist eine beeindruckende, schriftstellerische Leistung der Autorin.
Sie hat zwischen den beiden Geschichten in einem Buch einen verbindenden Bogen zum besseren Verständnis des Protagonisten verknüpft und den Leser zu einem eigenständigen Beurteilen des Geschehens geführt.

MEINE BEWERTUNG: VIER **** STERNE für eine traurige Geschichte, die mich sehr deprimiert hat.

Trotzdem Danke Juli Zeh für dieses Buch! Mein Dank gilt auch dem Luchterhand Verlag für die Zusendung des Rezensionsexemplar.
Sarahs Bücherregal, 04. Oktober 2018
Ein großartiges Buch!
Henning und Theresa verbringen die Weihnachtsfeiertage und Silvester mit den Kindern Jonas und Bibi auf Lanzarote. Einfach ausspannen, sich nicht zwischen Job und Familie zerreißen müssen, zwischen „Work-Life-Balance“, modernen Familienkonzepten mit arbeitenden Eltern und dennoch rundum versorgten glücklichen Kindern. Ein Leben, das Henning zunehmend einengt und bedrückt. Während er sich an Neujahr mit dem Fahrrad einen Berg hochkämpft, geht ihm all das durch den Kopf, er arbeitet sich durch sein Leben, bis er in der eigenen Kindheit ankommt und erkennt, dass seine Ängste vielleicht gar nicht aus der Gegenwart kommen. Denn er war schon einmal auf Lanzarote und was damals passierte, hat er bis zum heutigen Tag verdrängt. Bis ihn jetzt alles wieder einholt.
Juli Zeh versteht es meisterhaft, kleinste Situationen zu analysieren und dem Leser quasi auf dem Silbertablett zu präsentieren, in diesem Fall den Mikrokosmos Familie, der zu zerbersten droht an den eigenen Ansprüchen und den gesellschaftlichen Erwartungen. Aber auch am Kindheitstrauma des Familienvaters, das lange verdrängt und unterdrückt immer irgendwo in ihm und seinem Verhalten schlummerte. Man muss Henning nicht mögen, um ihn verstehen zu können, um seinen Gedanken folgen zu können. Er ist nicht wirklich sympathisch, wie Juli Zeh ihn beschreibt, aber er trägt die Geschichte, reißt einen mit und seine Gedanken faszinieren einen von Anfang bis Ende. Das Tempo der Geschichte nimmt zu, je langsamer Henning den Berg herauffährt, die Steigung wird fast unmöglich zu bewältigen und sein Familienleben erscheint ihm genauso beängstigend wie der Berg. Erst oben löst sich für ihn alles auf, die körperliche Belastung ebenso wie die psychische, indem sich seine Erinnerung Stück für Stück in den Vordergrund drängt. Jetzt bekommt er die Chance, das eigene Familienglück neu zu leben und doch noch das glückliche Familienleben zu führen, das eine dunkle Stimme in seinem Inneren ihm zu verwehren schien.
Es ist ein schmales Buch, das Juli Zeh mit „Neujahr“ geschaffen hat, verglichen mit ihrem großartigen Roman „Unterleuten“ wirkt es wie ein dünnes Wochenblatt. Doch auf diese wenigen Seiten packt die Autorin genauso viel Emotion, Handlung und psychologische Beobachtung, wie auf all die Seiten in „Unterleuten“. Ihr neuester Roman „Neujahr“ ist ein äußerst gelungenes Stück Gegenwartsliteratur, ein Buch, das einen packt und nicht loslässt. Wieder einmal ist Juli Zeh ein wirklich großartiger Roman gelungen.
Sarahs Bücherregal, 04. Oktober 2018
Ein großartiges Buch!
Henning und Theresa verbringen die Weihnachtsfeiertage und Silvester mit den Kindern Jonas und Bibi auf Lanzarote. Einfach ausspannen, sich nicht zwischen Job und Familie zerreißen müssen, zwischen „Work-Life-Balance“, modernen Familienkonzepten mit arbeitenden Eltern und dennoch rundum versorgten glücklichen Kindern. Ein Leben, das Henning zunehmend einengt und bedrückt. Während er sich an Neujahr mit dem Fahrrad einen Berg hochkämpft, geht ihm all das durch den Kopf, er arbeitet sich durch sein Leben, bis er in der eigenen Kindheit ankommt und erkennt, dass seine Ängste vielleicht gar nicht aus der Gegenwart kommen. Denn er war schon einmal auf Lanzarote und was damals passierte, hat er bis zum heutigen Tag verdrängt. Bis ihn jetzt alles wieder einholt.
Juli Zeh versteht es meisterhaft, kleinste Situationen zu analysieren und dem Leser quasi auf dem Silbertablett zu präsentieren, in diesem Fall den Mikrokosmos Familie, der zu zerbersten droht an den eigenen Ansprüchen und den gesellschaftlichen Erwartungen. Aber auch am Kindheitstrauma des Familienvaters, das lange verdrängt und unterdrückt immer irgendwo in ihm und seinem Verhalten schlummerte. Man muss Henning nicht mögen, um ihn verstehen zu können, um seinen Gedanken folgen zu können. Er ist nicht wirklich sympathisch, wie Juli Zeh ihn beschreibt, aber er trägt die Geschichte, reißt einen mit und seine Gedanken faszinieren einen von Anfang bis Ende. Das Tempo der Geschichte nimmt zu, je langsamer Henning den Berg herauffährt, die Steigung wird fast unmöglich zu bewältigen und sein Familienleben erscheint ihm genauso beängstigend wie der Berg. Erst oben löst sich für ihn alles auf, die körperliche Belastung ebenso wie die psychische, indem sich seine Erinnerung Stück für Stück in den Vordergrund drängt. Jetzt bekommt er die Chance, das eigene Familienglück neu zu leben und doch noch das glückliche Familienleben zu führen, das eine dunkle Stimme in seinem Inneren ihm zu verwehren schien.
Es ist ein schmales Buch, das Juli Zeh mit „Neujahr“ geschaffen hat, verglichen mit ihrem großartigen Roman „Unterleuten“ wirkt es wie ein dünnes Wochenblatt. Doch auf diese wenigen Seiten packt die Autorin genauso viel Emotion, Handlung und psychologische Beobachtung, wie auf all die Seiten in „Unterleuten“. Ihr neuester Roman „Neujahr“ ist ein äußerst gelungenes Stück Gegenwartsliteratur, ein Buch, das einen packt und nicht loslässt. Wieder einmal ist Juli Zeh ein wirklich großartiger Roman gelungen.
nicigirl85, 04. Oktober 2018
Wenn die Maske der Erinnerung fällt...
Schon immer wollte ich ein Buch der Autorin lesen und da mich der Klappentext enorm ansprach, begann ich mit der Lektüre und wurde förmlich in das Buch hineingesogen.

In der Geschichte geht es um Henning, glücklich verheiratet und Vater zweier Kinder. Doch er ist vom Leben überfordert und Panikattacken quälen ihn. Ein Urlaub auf Lanzarote soll ihm Erholung bringen, doch dort quälen ihn Erinnerungen, die er nicht so recht einordnen kann. Ist es möglich, dass er als Kind schon mal auf der Insel war und damals Schlimmes passiert ist? Aber was?

Ein beobachtender Erzähler bringt uns Henning und seine Familie näher, die so tickt wie du und ich. Das Leben mit Kindern ist nicht leicht, was hier sehr realistisch und zugleich natürlich beschrieben wird. Es ist nicht alles eitel Sonnenschein und längst vieles nicht mehr wie in der eigenen Kindheit.

Sehr bildhaft beschreibt Frau Zeh einzelne Szenen und fast hat man das Gefühl selbst der Akteur in der Geschichte zu sein.

Henning steht im Mittelpunkt der Handlung. Man kann sich gut in ihn hineinversetzen, mit ihm fühlen und hat vollstes Verständnis für seine Überforderung. Gerade bei seinen Gefühlen nur noch zu funktionieren und wie seine Ehe abläuft, fühlte ich mich direkt angesprochen.

Die Handlung hat mich so sehr mitgenommen, dass ich nicht mehr aufhören konnte zu lesen und das Geschriebene innerhalb eines Tages regelrecht weggesuchtet habe. Gerade als es um die Kinder ging, war ich hin und weg und las wahrscheinlich ausschließlich mit offenem Mund.

Fazit: Tief bewegend und emotional, eine Geschichte, die bei mir noch lange nachwirken wird, da sie mich doch sehr nachdenklich gestimmt hat. Gern spreche ich eine Leseempfehlung aus.
Michael Lausberg, 28. September 2018
Kein Bestseller
Nach ihren Romanen „Unterleuten“ und „Leere Herzen“ bringt die Bestsellerautorin nun ihren neuen Roman „Neujahr“ heraus, wo der Protagonist Henning in der Bergwelt Lanzarotes mit seiner Vergangenheit konfrontiert wird.
Bei dieser psychologischen Familiengeschichte stehen die Eheleute Henning und Theresa im Mittelpunkt. Sie leben in Göttingen, haben kleine zwei Kinder (Jonas und Bibbi) und führen ein typisch postmaterialistisches Leben in der Universitätsstadt mit Alltagsproblemen, die jedem bekannt vorkommen würden. Nur die immer wiederkehrenden Panikattacken von Henning sorgen für eine Belastung ihres sonst durchschnittlichen Lebens.
Ihr Urlaub in Lanzarote über den Jahreswechsel mit Kindern bildet den Rahmen des Romans. Als Henning alleine auf einem Berg bei Femes bald zusammenbricht, wird er dort von einer fremden Frau aufgefunden und versorgt. Henning fühlt sich in dem Hause gleich wohl und heimisch, bald erfährt man warum. Die fürsorgliche Frau berichtet davon, dass in dem Haus vor langer Zeit zwei kleine Kinder mit Unterernährung gefunden wurden. Als sich dann herausstellt, dass die beiden Kinder Henning und seine Schwester Luna waren, beginnt für Henning eine Reise in die Vergangenheit und die Aufarbeitung seiner Kindheit. Plötzlich kommen Erinnerungen wieder hoch und er durchlebt die Ereignisse im zweiten Teil des Romans noch einmal. Hier schließt sich auch der Kreis zu den anfangs hingewiesenen Panikattacken Hennings, die im Laufe der mühevollen Aufarbeitung langsam verschwinden.

Die Geschichte der Aufarbeitung der Jugend von Henning wird gefühlvoll geschildert und bringt das Problem, unter dem viele Menschen leiden, ins Zentrum des Interesses. Die Charaktere dieses Romans sind allerdings nicht besonders spannend, es fehlt die Identifikation für den Leser. Das Flair Lanzarotes mit seiner kargen Bergwelt ist auch überschaubar. Der Roman lebt von der psychologischen Aufarbeitung der Vergangenheit und erhält dadurch seine Spannung, ohne fesselnd zu sein. Insgesamt gesehen ist es ein überdurchschnittlicher Roman, ohne jedoch Bestsellerqualitäten zu entwickeln.
Ulrike Sander, 28. September 2018
restlos begeistert
Ich bin restlos begeistert von der neuen Juli Zeh.
Hier in Tübingen grassiert ja sowieso das Juli Zeh Fieber, da sie auch an der Uni eine grandiose Rede gehalten hat über das "Turbo Ich" (gibt es auf youtube).
Das Buch ist wahnsinnig spannend und erzeugt einen unglaublichen Resonanzboden, ich habe es sofort für meine Literaturgruppe vorgeschlagen. Ihnen gratuliere ich zu Ihrer Autorin und der schönen Gestaltung des Buches.

Miss.mesmerized, 16. September 2018
Neujahr
Henning und Theresa haben mit den Kindern zwei Wochen Urlaub auf Lanzarote gebucht; ideal, um der kalten Jahreszeit in Deutschland zu entfliehen. Dass auf den Kanarischen Inseln Weihnachten und Neujahr wenig feierlich ausfallen wird als sie es gewohnt sind und dass eine Ferienwohnung weniger Spielraum bietet als das eigene Heim, hatten sie jedoch nicht bedacht und so ist die Stimmung am ersten Januar ziemlich am Boden. Henning beschließt einen der guten Vorsätze in die Tat umzusetzen, was ihm zudem eine Auszeit von der Familie ermöglicht. Er steigt auf das Leihfahrrad und stemmt sich gegen den Wind den Berg hinauf. Alleine dem Wetter ausgesetzt kommen plötzlich auch die Gedanken auf Touren und je mehr er gegen den schweren Anstieg kämpft, desto mehr beginnt er sein Leben zu hassen: der Job, mit dem er nicht zufrieden ist und der ihn überfordert, die Kinder, die permanent etwas von ihm wollen, auch Theresa, die offenbar alle anderen Männer attraktiver findet als ihren eigenen. Ausgelaugt und mental am Ende erreicht er das Ziel, doch was ihn dort erwartet, wird sein Leben in einem anderen Licht erscheinen lassen.

Juli Zeh hat einen weiteren Lanzarote Roman geschrieben, der sich nicht so ganz in ein literarisches Genre pressen lässt. Er beginnt als typischer Gesellschaftsroman mit einem Protagonisten, der stellvertretend für viele sein Leben in Frage stellt und kurz davor steht, vor dem überwältigenden Alltag zu kapitulieren. Seit einiger Zeit schon leidet er unter Panikattacken, die er jedoch vor seiner Frau verheimlichen muss, da sie dafür nur Verachtung übrig hat. Seine Ankunft auf der Bergspitze und die physische Erschöpfung scheinen zunächst eine gewisse Ruhe in ihm auszulösen, doch das abgeschiedene Haus löst plötzlich eine Erinnerung, von der er nicht wusste, dass er sie hatte, und der Roman entwickelt sich zu einem beklemmenden Thriller.

Die Konzentration auf Henning bringt die Zwänge unserer Tage ungehindert auf den Punkt: der Mensch muss funktionieren, pflichtbewusst seine Rollen in Beruf, Familie und Gesellschaft erfüllen und dabei Kritik wegstecken, oder besser: weglächeln, können. Ist die Autorin für ihre gesellschaftskritischen Romane bekannt, so zeigt sich dieses Mal die Kritik im Nukleus der Familie. Es beginnt schon bei der Frage, was eigentlich eine „echte“ Familie ist und gnadenlos lässt Zeh den Schein der Bilderbuchfamilie mit zwei liebreizenden Kindern mit Hennings Wahrnehmung und seiner Rolle als Vater kollidieren. Er schreit das hinaus, was ihm eigentlich verboten ist: er hasst sein Leben und seine Kinder. Sein eigenes Dasein, seine Panikattacken werden nicht ernstgenommen und er muss zurückstecken – immer und immer wieder.

Die Episode im abgeschiedenen Haus lässt sich zunächst schwer einordnen, phantasiert Henning, hat sich dies wirklich zugetragen und vor allem so zugetragen? Waren er und seine Schwester über Tage als Kleinkinder alleingelassen? Er scheint eine Erklärung für seine psychischen Probleme gefunden zu haben – wie schön, denn endlich gibt es einen Schuldigen und es ist nicht sein Alltag. Doch genau diesem müsste er sich eigentlich stellen und das in Ordnung bringen, was im Argen liegt.

Der Roman braucht einige Zeit, bis er einem als Leser packt, doch dann zeigt sich das Könnend r Autorin. Als Ganzes betrachtet ist er dramaturgisch überzeugend aufgebaut, nichtsdestotrotz bleibt aber ein Bruch zwischen den Ereignissen des Neujahrstages und den Erinnerungen. Dies tut dem Gesamturteil aber keinen Abbruch.
Zerafine, 11. September 2018
Rezension: Neujahr – Juli Zeh
Er strampelt, tritt immer gleichmäßig in die Pedale, atmet tief ein und aus; er kämpft.
Heute stelle ich euch den aktuellen Entwicklungsroman Neujahr von Juli Zeh vor, der im September 2018 im Luchterhand Verlag erscheint. Dieses Buch wurde mir vom Verlag freundlicherweise als Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt.

Inhalt:

Ein Mann, ein Fahrrad, ein Berg: dies ist das Grundszenario von Neujahr, das wie der Titel schon verrät am Ersten-Ersten des Jahres 2018 spielt. Ein schöner, ruhiger, entspannter Familienausflug nach Lanzarote, der für den Protagonisten zum Albtraum wird.
Es beginnt mit Henning, einen liebenden, emanzipierten Familienvater und Ehemann der seine Radtour antritt, mit der er eigentlich nur seinen guten Vorsätze für das neue Jahr erfüllen möchte, doch er wird dabei immer wieder mit sich selbst und seinen „alltäglichen“ Problemen konfrontiert. Mehr möchte ich nicht sagen, da dies eines der Bücher ist, dessen Reiz es ausmacht das man so wenig weiß und nur mit jeder weiteren Seite mehr erfahren kann.

Meinung:
Neujahr ist ein recht typischer Juli Zeh Roman, dennoch legt sie anders als in beispielsweise Spieltrieb hier den Fokus auf eine einzelne Figur und deren Geschichte, die auf eine besondere Weise erzählt wird.
Es gibt die Rahmenhandlung des Fahrradfahrens auf dem Berg, die durch die Gedanken des Protagonisten Hennings immer wieder unterbrochen wird. Diese erinnern mich sehr an das Abschweifen der Gedanken, wenn man wirklich joggt, oder Rad fährt oder einfach nur spazieren geht, die eigenen Gedanken schweifen in eine andere Zeit, erleben Dinge erneut, bewerten und überdenken das Getane. Diese Art zu schreiben war für mich etwas ungewohnt, aber man kommt ziemlich schnell hinein, da man es ja so gut kennt.
Die Figur Henning ist sehr interessant aufgebaut, denn zu Beginn hat man keinerlei Vorwissen über ihn und seine Geschichte, es ist expositionslos. Er charakterisiert sich nur durch seine Gedanken über sich selbst, seine Umwelt und sein Ziel den Berg zu erklimmen. Ich war von ihm in den Bann gezogen und wollte wissen, was er denkt, warum er so denkt und wie die einzelnen Ereignisse in seinem Kopf miteinander im Zusammenhang stehen.
Ein Thema das auch immer wieder angesprochen wird ist Gleichberechtigung, meist zwischen ihm und seiner Frau, ich finde dieses von den Figuren aufgebaute Konstrukt sehr spannend. Ist es nicht die größte Ungerechtigkeit, wenn man alle gleich behandelt und versucht immer alles aufzuwiegen? Dies ist aber nur meine Auffassung, von diesen Konstrukt. Das Buch war für mich eine sehr erhellende Erfahrung, da mir einige Dinge klar geworden sind und doch fühlte ich mich danach, als wäre ich selbst auf diesen Berg gefahren, und hätte meine eigenen Dämonen besucht. Ich habe dieses Buch an einem Tag gelesen und frage mich nun wie ich gehandelt hätte. Also hat es Juli Zeh mal wieder geschafft mich zum Nachdenken über ihre Themen zu bringen.
Gisela Simak, 09. September 2018
Kleiner Henning-Großer Henning.

Henning ist ein Mann, der ein gutes Leben führt. Trotzdem plagt ihn seit Jahren ES! ES macht sich als Panikattacken bemerkbar. Schweißausbrüche und Herzstolpern rauben ihm den Schlaf. Henning arbeitet halbtags für einen Sachbuchverlag. Mit seiner Frau Theresa teilt er sich die Kindererziehung. Alles ist gut. Alles ist wunderbar. Doch ES ist immer dabei. Bei einem Urlaub in Lanzarote kommt Henning ES auf die Spur. Henning ist ein etwas unscheinbarer Charakter. Ich konnte lange nicht einschätzen, ob er sein Leben mag, wie es ist. Bei seiner anstrengenden Radeltour nach Femes kommt er seinem wahren Ich immer näher. Mit jedem Tropfen Schweiß findet er mehr zu sich. Mit der falschen Kleidung, einem geliehenen Rad, welches ungeeignet ist für den steilen Aufstieg ist und ohne Getränk, landet er bei einem Haus. Völlig dehydriert bekommt er einen Schwächeanfall. Die Besitzerin des Hauses lädt ihn ein zu Speis und Trank.
 
In dieser Geschichte macht Henning Bekanntschaft mit seinem inneren Kind.  Die Autorin beschreibt, mit ihrem unnachahmlichen Schreibstil, was Kindheitserlebnisse mit einem Menschen anstellen können. Die Idee mit der Radeltour finde ich total passend. Gerade körperliche Anstrengung hilft oftmals seelische Blockaden zu lösen. Seine Vergangenheit annehmen und im Jetzt leben funktioniert jedoch nur dann, wenn man die Wahrheit kennt. Dem Grund für seine Ängste bewusst begegnen kann. Es mutet oftmals unheimlich an, mit Henning diese Wahrheit zu ergründen. Die Geschichte spielt aus der Sicht von Henning. Mal in der Gegenwart-, mal in der Vergangenheit. Man fragt sich, wohin die Geschichte einen führen wird. Welches Drama sich dahinter verbirgt.  



Mit knapp 200 Seiten hat die Autorin eine Geschichte erzählt, die nichts vermissen lässt. Spannung ist hier mehr gegeben, als bei manchem Thriller. Wir lernen einen Mann kennen. Henning! Das besondere an dieser Story: Henning lernt sich selber kennen. Er lernt den kleinen Henning kennen und verstehen. Es handelt sich hier um ein Familiendrama. Es hätte keins sein müssen. Eigentlich hätte man die Dinge nur beim Namen nennen brauchen! Der Vergangenheit ein Gesicht geben. 

Das ist der dritte Roman, den ich von Juli Zeh gelesen habe. Neujahr ist wieder eine Glanzleistung. Auch der Humor findet wieder seinen Platz. Zeh-Humor! Ich liebe die direkte Art.

Danke Juli Zeh. Ich habe jedes einzelne Wort genossen.





Silvester. Henning telefoniert mit seiner flippigen Schwester Luna:

Natürlich war Luna auf einer Party. Laute Musik im Hintergrund, Stimmengewirr. Gelegentlich wehrte sie sich kichernd gegen jemanden, der etwas von ihr wollte, vielleicht tanzen oder Raketen abschießen oder vögeln.
Brigitta Gerig-Wildermuth - schreibenundlesen, 07. September 2018
Abgründe
Schon lange habe ich nicht mehr ein Buch gelesen, das ich nicht mehr aus der Hand legen konnte. Neujahr hat das geschafft. Es kommt mit einem raffinierten Plot daher und - wie immer bei Juli Zeh - in hervorragende Sprache gegossen. Kein Wort zu viel, keine Schlaufe zu weit - stringent, spannend, schrecklich und erstaunlich zärtlich. m.E. Juli Zehs bestes Buch.
leseratte1310, 07. September 2018
Die Schatten der Vergangenheit
Henning hat eigentlich alles, was man sich wünschen kann – eine intakte Familie, beruflichen Erfolg und ein Urlaub auf Lanzarote ist auch drin. Aber seit einiger Zeit wird er von Panikattacken heimgesucht.
Am Neujahrsmorgen macht er sich schlecht ausgestattet mit dem Fahrrad auf, um den Femés zu bezwingen. Während er sich den Steilaufstieg hinaufquält, denkt er über sein Leben nach. Endlich oben angekommen, wird er in seine Kindheit versetzt. Was er damals erlebt hat, prägte sein gesamtes Leben.
Dies ist mein erstes Buch von Juli Zeh und ich muss sagen, dass mir ihr klarer, gut zu lesender Schreibstil gefällt. Wir lernen Hennings jetzige Lebenssituation kennen, die ihn überfordert. Er möchte alles richtig machen, aber irgendwie stößt er an seine Grenzen.
Doch dann kommen die schrecklichen Ereignisse seiner Kindheit wieder in sein Gedächtnis. Sie machen betroffen und man kann gut nachvollziehen, was das bei einem kleinen Kind anrichtet. Natürlich weiß man, dass so traumatische Geschehen verdrängt werden können und doch ist es immer wieder schwer vorstellbar.
Ich habe mit Henning und seiner kleinen Schwester gefühlt und war wütend auf die Erwachsenen, die für das alles verantwortlich sind. Es ist klar, dass Vergessen nicht helfen kann. Das Trauma, welches einen prägt, muss aufgearbeitet werden.
Es ist eine aufwühlende Geschichte, die mich gepackt hat und nachdenklich macht.
Karin Hoffmann, 04. September 2018
Achterbahn der Gefühle
Mit großer Begeisterung habe ich das Leseexemplar verschlungen.

Diese Autorin versteht es immer wieder, ihre Leser von Beginn an in den Bann zu ziehen. Dieses Mal fast harmlos beginnend, ein Mann in den besten Jahren macht am Neujahrstag eine Radtour, reflektiert sein Leben, um sich dann plötzlich in einem Kindheitstrauma zu verlieren. Mir ist fast der Atem gestockt beim Lesen. So beklemmend und an der Grenze der Erträglichkeit.

Ich war nach dieser Lektüre noch stundenlang aufgewühlt und mal wieder sehr beeindruckt, was für eine Achterbahn der Gefühle Juli Zeh bei mir ausgelöst hat.

Scheinbare Idyllen aufzudecken und in menschliche Abgründe zu schauen, gelingt dieser Autorin immer wieder auf oft schockierende Weise.

Vielen Dank für diese nachhaltige und mich sehr nachdenklich stimmende Lektüre.
Gudrun Crüger, 22. August 2018
Absolut lesenswert. Für mich das beste Buch von Juli Zeh. Ich werde es gern empfehlen.
Virginia Franek, 15. August 2018
Ein Querschnitt durch die Psyche
Ein wunderbarer Roman. Ich war nie Zeh-Leser, aber jetzt bin ich es.
Ein tiefgreifender Roman über Menschlichkeit, Verletzlichkeit, Hoffnungslosigkeit und auch eine Art Abscheulichkeit. Der Protagonist wird durch verschiedene Stadien geführt und wir erleben alles mit.
Ich hab nicht aufhören können zu lesen. Es ging für mich Schlag auf Schlag ... Ein Buch was packt....aufweckt....erzürnt ...traurig macht...Und ab und an atmen lässt....
Mir fiel es schwer Atem zu holen...Es packte mich ....
Roswitha Sirninger, 07. August 2018
Gedanken zu Juli Zehs „Neujahr"
Harmlos - wie der nichtssagende Titel - kommt die Geschichte einer typisch überforderten Jungfamilie auf ihrem kanarischen Neujahrsurlaub daher und dreht sich unbemerkt in eine kindliche Traumatisierungsorgie wie ein Psychothriller.
"Vorsicht Spoiler!"
Juli Zeh legt zwei Erzählstränge übereinander: Der Protagonist Henning im Heute und Henning in seiner Kindheit. Ereignisse der Silvesternacht stimulieren Traumata der Kindheit. Der ausgebrannte Vater zweier kleiner Kinder und gestresste Ehemann müht sich - auf der Flucht vor seiner Angststörung - mit dem Fahrrad auf einen Berg Lanzarottes. Durch ungewohnte Anstrengung wird er durchlässig für in ihm tief Verborgenes. Tritt für Tritt, Herzschlag für Herzschlag nähert er sich dem Vergessenen. Er wechselt dabei erinnernd in rascher Abfolge die Zeitebenen. Neujahrstag, Altjahrstag, Gegenwart, Vergangenheit, Erlebnisse mit seinen Kindern, Ereignisse aus seinen eigenen, ersten Lebensjahren. Zeitweise frage ich mich irritiert: wo ist er jetzt? Aber gerade da entsteht dieser unausweichliche Sog. Und unser Gehirn funktioniert ja schliesslich in freiem, - bei Henning vermutlich gar nicht mehr so freiem -, Assoziieren.
"Vorsicht Spoiler!"
Plötzlich plumpst Henning in die Vergangenheit. Und nur diese wird jetzt sehr stringent erzählt. Er fällt in den Brunnen seines verschütteten Traumas. Der Brunnen, der am Berg tatsächlich zum Symbol des uneinschätzbaren Bedrohlichen wird. Der kleine Henning, verlassen von Mutter und Vater, versucht trotz seiner furchtbaren Angst und Verlassenheit ein braver, verlässlicher Junge zu sein. Alles zu tun, worüber sich „die Mama freut." Er gibt für sie sein Bestes und - Letztes. Ähnlich wie der erwachsene Mann bei seiner Bergfahrt die letzte Kraft aus sich drückt. Ich habe mit dem grenzenlos überforderten kleinen Buben wie mit dem, am Burnout entlang stolpernden, Mann und Vater mitgelitten.
Das Gefühl des Überfordertseins ist der Grundton in Hennings Leben. Juli Zeh schildert das stete Ausagieren des unbewussten Traumas wie einen Krimi, der mir regelrecht an die Nieren ging. Es wird zum Zwang. Der Mann muss hinauf auf den Berg. Das Trauma muss heraus aus ihm. Es gibt keine Alternative mehr. Das Buch liest sich auch so. Immer schneller und atemloser hastete ich durch die Seiten. Mit grossartiger psychologischer Einfühlung verhilft Juli Zeh dem Protagonisten Henning zu seiner Wahrheit. - Denn Vergessen ist keine Gnade. Auch wenn das seine Mutter meint. Juli Zehs schriftstellerische Potenz hab ich an meiner persönlichen Betroffenheit begriffen. Als der Plot meine biografischen Wundpunkte aufrührte, wusste ich, dass die Autorin ins Schwarze trifft: In den Mittelpunkt der Seele.
"Vorsicht Spoiler!"
Der Umstand, dass aus dem völligen „Vergessen" und Verdrängen so ganz urplötzlich sämtliche Umstände der damaligen Geschehnisse bis ins winzigste Detail auftauchen und wiedererlebt werden, erscheint mir als psychologisch Tätige eher eine große Ausnahmeerscheinung, ist aber sicher für den Erzählfluß eine dichterische Notwendigkeit.
Auch das Ende, die Lösung und damit die Loslösung sozusagen, kommt mir zu abrupt und überzeugt mich nur teilweise.
"Vorsicht Spoiler!"
Die Antwort auf die Frage, die der Luchterhandverlag stellt: wird unser Leben bereits in der Kindheit vorherbestimmt oder nicht, erübrigt sich mit der Geschichte. Wir werden ganz entscheidend in der Kindheit geprägt. Die einzige scheinbare Freiheit, die uns bleibt, ist zu entscheiden, ob wir uns dieser Prägung als Erwachsene stellen.
Sybille Scheerer, 31. Juli 2018
Spannend, tiefgründig, und zutiefst menschlich. Juli Zeh überrascht den Leser in jedem Roman auf's Neue.
Ines Horst, 18. Juli 2018
Großartig
Der neue Roman hat mich echt mal wieder überzeugt. Tolle Geschichte, toller Stil. Ich bewundere Juli Zeh für ihre Bandbreite und die Fähigkeit, mich immer wieder mit ihren Geschichten zu überraschen.
Eines meiner Lieblingsbücher dieses Herbstes !!!
Hedy Kunze, 11. Juli 2018
Eine leise Geschichte, die sich zum Orkan erweitert.
Eine leise Geschichte, die sich zum Orkan erweitert. Ich bin begeistert, von der Präsenz und Sprache dieses ausdrucksstarken Romans. Kommt auf die Liste meiner zwölf Lieblingsbücher.

Eigentlich bin kein Fan von Juli Zeh, aber nun diese unglaublich freudige Überraschung.
Andrea Vrsaljko, 14. Juni 2018
"Neujahr", das beste Buch das ich seit langem gelesen habe!!!!
Ich liebe Juli Zeh. Daher war ich schon glücklich, als ich das LEX "Neujahr" bekam.
Ich nahm es sofort mit nach Hause, damit es mir niemand "wegschnappen" konnte. Als ich gegen 23.15 Uhr ins Bett und das Buch wegräumen wollte, musste ich doch erst einmal "reinlesen". Es hat mich sofort in einen Sog gezogen und ich konnte es nicht mehr aus der Hand legen. Um 2.30 Uhr las ich dann noch die ersten Seiten, um es komplett zu machen..................................
Großartig!!!!!!!
Koch, 14. Juni 2018
Super
Ein Erzähl-Genie! Must-read!
Annette Mond, 12. Juni 2018
Starker Roman mit Nachwirkung
Juli Zeh hat ein hervorragendes Buch geschrieben.
Sprachlich sehr klar schildert sie die Lebenssituation von Henning, wie er als moderner Ehemann und Vater bestehen möchte und dennoch ständig an seine Grenzen stößt und an Überforderung und lebensbedrohlichen Panikattacken leidet. Der Urlaub auf Lanzarote soll Abhilfe schaffen.
Es ist atemberaubend zu lesen, wie er auf einem ungeeigneten Leihrad am Neujahrsmorgen eine Tour auf einen steilen Berg meistert.
Alleine dieser Part versprach, die Lösung seiner Misere zu bringen. Aber Nein! Juli Zeh geht viel tiefer und konfroniert Henning mit einem verdrängten, schrecklichen Erlebnis aus seiner frühen Kindheit. Und hier wird es heftig.
Noch nie mußte ich bei einer Lektüre so heftig weinen und habe um jeden Satz mit an den Mund gepresster Hand gerungen, wie bei der Schilderung dieses Traumas zweier kleiner Kinder.
Ein wirklich sehr guter Roman, den ich in einer Nacht gelesen habe. Er wirkt in seiner Heftigkeit immer noch nach.
Kerstin Schnürl, 14. Mai 2018
mit Freude und kurz vorm Herzkasper
Habe gestern 2 Stunden meiner Arbeitszeit (mit Freude und kurz vorm Herzkasper) geopfert, um das neue Buch von Juli Zeh „Neujahr“ zu Ende zu lesen. Schade, dass die Kunden es erst im September lesen können! Muß ich ihnen doch erst noch was anderes empfehlen. Meiner Schwester, der ich das Buch bereits zum Lesen gab, musste auch dringend nach der Arbeit auf den sonnigen Balkon flüchten, um die „Fahrradtour“ mit Henning zu beenden.
Brigitte Drees, 07. Mai 2018
Wirklich gelungen!
Juli Zeh erzählt in einer sehr klaren, völlig schnörkellosen Sprache eine Geschichte, die einen sofort in seinen Bann zieht und nicht mehr loslässt. Das Buch kann man nichr mehr aus der Hand legen!
Wirklich gelungen!
Katrin Berger, 24. April 2018
Erneut ein großartiger Roman
Juli Zeh wirft in ihrem neuen Buch einen Blick auf die emanzipierten, großartigen Vorzeigefamilien, denen nur leider manchmal das Glück abhanden kommt. Als dann noch der Familienvater einem lange verschütteten Kindheitstrauma auf die Spur kommt, stellt es seine ganze Vergangenheit auf den Kopf.

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